So kann’s gehen: Schiele in Zürich, Giacometti in Wien. Nun werden die Plätze getauscht und bis Ende Jänner nicht zurückgegeben.

Das Kunsthaus Zürich ist zusammen mit der Alberto Giacometti Stiftung Besitzer der bedeutendsten Sammlung des Schweizer Bildhauers. Nun sind beide Haupt-Leihgeber für die Wiener Ausstellung.

Im Gegenzug stellt die Sammlung Leopold den Großteil ihrer Schiele-Bilder für eine Ausstellung in Zürich zur Verfügung. Die Schweizer stellen das Werk des österreichischen Malers der Jahrhundertwende dem der britischen Gegenwartskünstlerin Jenny Saville gegenüber.

Ein solches Experiment gibt es bei Giacometti in Wien nicht. Er darf sich mit einer umfangreichen Sammlung, welche durch sämtliche Perioden seines Schaffens führt, im Leopoldmuseum ausgiebig ausbreiten.

Pionier der Moderne

Bestandsaufnahme am Tag der Eröffnung: Die Ausstellung „Giacometti – Pionier der Moderne“ ist im Kellergeschoß . Das weiße Stiegenhaus hinunter, öffnet sich am Ende ein Raum, weit, bronzefarben. Drei stehende Figuren, überlebensgroß. Sie wirken dünn und doch nicht zerbrechlich. Metallische Nadeln im unendlichen Raum. Figuren, wie man sie zu sehen erwartet, wie man sie von Fotos und Katalogen des Künstlers kennt. Und doch sind sie plötzlich phänomenal neu, wunderschön. Fast ehrfürchtig steht man vor ihnen, kann sie neugierig umkreisen und nahe ans Detail gehen. Das ist keine tote Materie. Diese Figuren leben. Eindeutig.

Vier Frauen und ein Mann sind zu sehen . Erkennbar daran, dass die Skulpturen von Männern bei Giacometti immer schreiten, während die von Frauen still stehen. Er selbst sagte dazu: … , dass er „eine Frau nie anders als unbeweglich wiedergeben kann, und einen Mann immer schreitend; wenn ich eine Frau modelliere, dann unbeweglich, einen Mann immer gehend“

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Großflächig projiziert – gut besucht: Die Giacometti – Ausstellung im Leopold Museum am Eröffnungsabend

Die Figuren werfen scheinbar weiße Schatten an die metallischen Wände. Künstliche gemalte Schatten. Der ganze Raum ist eine Referenz an eine Fabrik, Werkshalle oder Gießerei mit großen schwarzen Industrieleuchten der metallischen Farbe und der unruhigen Oberfläche der Wände, die sich auch in der unruhigen Oberfläche der Skulpturen wiederfindet.

Durchschreitet man das Spalier der Figuren, so geht man auf einen Wagen, einen zweirädrigen Karren zu, auf dessen Plattform eine Frauenfigur thront. ,,Le Chariot“ heißt dieses Werk und es weist formatfüllend den Weg zum nächsten Raum.

Kindheit, Jugend und Schaffenskrise

Die Themen der Räume sind vielfältig: „Kindheit und Jugend, Studium in Paris“ enthält Bilder von Albertos Vater, dem Maler Giovanni Giacometti. Oder auch die ersten Büsten, für die dem jungen Alberto seine Eltern und seine Brüder Modell standen.

„Schaffenskrise und späte Skulpturen“: Mitte der Dreißiger Jahre bricht Giacometti mit den Surrealisten. Er erlebt eine über zehnjährige Schaffenskrise, die er, nach eigenen Angaben, erst 1947 überwinden konnte.
Wegen seiner Ansprüche und Selbstzweifel wären viele Skulpturen heute auch nicht mehr erhalten, hätte sie nicht sein Bruder Diego gerettet, indem er sie seinem Bruder einfach wegnahm und in die Gießerei brachte.

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Der Österreichische Künstler Erwin Wurm eröffnet die Ausstellung

Vom Eckigen zum Runden

Auf den Raum der „Kubistischen Phase“ folgt jener der „Surrealistischen Phase“. Die Plastiken werden spürbar runder. Dann „Späte Zeichnungen“ und „Späte Gemälde“ . Hauptsächlich in Grau und Brauntönen erwecken sie manchmal den Eindruck von schnellen Zeichnungen oder Modeskizzen. Unverwechselbar.

Giacometti, der Netzwerker

Im Raum „Giacometti und die abstrakte Malerei nach 1945“ sind zwei Skulpturen des Bildhauers umgeben von Werken einiger seiner Zeitgenossen. Cy Twombley, Francis Bacon, Jackson Pollock …

Mit vielen stand Giacometti in Kontakt, beziehungsweise war er mit ihnen befreundet. Unter anderem mit den Autoren Samuel Beckett und Jean Genet, dem Komponisten Igor Strawinsky, den Malern Henri Matisse und Pablo Picasso.

Giacometti sieht Schiele

Im Katalog zur Ausstellung findet man die Tagebucheintragung des Galeristen Wolfgang Georg Fischer. Er beschreibt, wie im Jahre 1964 Alberto Giacometti gemeinsam mit Francis Bacon in der Londoner Malborough Fine Art Galerie eine Ausstellung des damals in England noch relativ unbekannten Schieles besucht . „… Die beiden Künstler erkannten die Genialität Schieles sofort, waren sie doch verwandte Seelen und im weiteren Sinne Expressionisten …“

Der Medienraum

Fotografisch porträtiert wurde Giacometti von den Größen seiner Zeit, Henri Cartier Bresson, Man Ray , der Österreicherin Inge Morath, oder dem kürzlich verstorbenen René Burri.

Dadurch gibt es eine Menge herausragender Schwarzweiß-Porträts, die großteils erstaunlich zeitgemäß wirken und denen man die annähernd sechzig Jahre Alter nicht anmerkt.

Außergewöhnlich ist auch der 1965 entstandene Dokumentarfilm von Ernst Scheidegger. Damals schon in Farbe gedreht, zeichnet er ein schönes Bild über das Denken und die Arbeitsweise des Künstler. Unbedingt ansehen.